Das Anna-Stift zu Schweikershain

Kurzinfo

zum Schild und Schildtext

Detailinformationen

1878

Auf Initiative von Anna Sophie Pauline von Nostitz-Wallwitz eröffnet eine Gemeinde- und Kinderpflegeeinrichtung im Ort. Ihr Ehemann Oswald von Nostitz-Wallwitz unterstützt seine Gattin und die Einrichtung mit beträchtlichen finanziellen Mitteln und stellt auch die Räumlichkeiten zur Verfügung.

Diese befinden sich in dem zum Rittergut gehörenden Förstereigebäude. Die Aufgabe der Einrichtung besteht in der Versorgung der tagsüber unbeaufsichtigten Kleinkinder der Ritterguts-Tagelöhner und Fabrikarbeiter. Eine Gemeindeschwester kümmert sich um die Betreuung der Kinder und versorgt zudem gebrechliche und hilfsbedürftige Menschen im Ort.

Die Einrichtung erweist sich bald als zu klein, so dass die Überlegung zu einer Erweiterung ins Auge gefasst wird. Anna von Nostitz-Wallwitz zieht zudem in Erwägung die Einrichtung um eine Haushaltungsschule für konfirmierte Mädchen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren zu erweitern. Die Mädchen sollen aus einfachen ländlichen Familien stammen und auf ihre zukünftige Arbeit als Hauswirtschafterin sowie Hausfrau und Mutter vorbereitet werden.

Die vorhandenen Räumlichkeiten in der Försterei sind für diesen Zweck nun gänzlich ungeeignet, so dass ein Neubau angestrebt wird.

1884

Wiederum mit der Unterstützung Ihres Gatten, der sowohl die finanziellen Mittel als auch das Baugrundstück stellt, nämlich die zum Rittergut gehörende „Seifertsche Wiese“ schräg gegenüber der Försterei gelegen, kann der Bauantrag (siehe handschriftliche Unterlagen aus der Bauakte) bei der Amtshauptmannschaft Döbeln gestellt werden.

Für die Planung wird der Chemnitzer Landbaumeister Julius Temper gewonnen.

Den genehmigten Entwurf führt der Mittweidaer Baumeister M. Schubert unter Leitung aller Gewerke aus.

2. Mai 1886

Der Neubau wird feierlich eröffnet, unter dem Motto:

 – Den Einzelnen zum Nutzen, der Gemeinde zum Segen, dem Herrn zu Ehre –

Ein großer Raum auf der rechten Seite des Erdgeschoßes dient als Kindergarten.

Er hat einen separaten Zugang von und zu dem auf dieser Seite liegenden Garten.

Hier wird auch ein großer Schauer für die Kinderwagen errichtet.

Der Rest des Hauses dient der Haushaltungsschule als Lehr- und Wohnstätte.

Hinter dem Haus befindet sich ein Anbau, in dem der Kleinviehstall und das Waschhaus untergebracht sind, sowie der Brunnen. Im Kellergeschoß hat der Hausmeister seine Wohnung.

Die neue Einrichtung wurde als selbstständige Stiftung eingerichtet und erhält den Namen -ANNA-STIFT- .  Bis zum Richtfest am 24. Juli 1884 standen wohl zwei Namen zur Debatte, -Marta-Stift- und eben -Anna-Stift-.

Martha, das biblische Vorbild einer geschäftigen Hausfrau, Schwester des Lazarus und der Maria von Bethanien sowie Anna, als Wohltäterin und Mutter Mariens.

Entwurf für den Neubau des Stiftes - Hauptansicht aus der Bauzeichnung (1884) (Sammlung M. Pudollek)
Auszug aus der Bauakte - Schreiben an die Amtshauptmannschaft Döbeln (1) (Sammlung M. Pudollek)
Auszug aus der Bauakte - Schreiben an die Amtshauptmannschaft Döbeln (2) (Sammlung M. Pudollek)
Auszug aus der Bauakte - Schreiben an die Amtshauptmannschaft Döbeln (3) (Sammlung M. Pudollek)
Auszug aus der Bauakte - Schreiben an die Amtshauptmannschaft Döbeln (4) (Sammlung M. Pudollek)

Eine weitere Anna, die für die endgültige Namenswahl in Betracht gezogen werden kann, ist Kürfürstin Anna von Sachsen (1532-1585). Sie beschäftigte sich eingehend mit der Fürsorge und dem Wohlergehen ihrer Untertanen und wurde im Volksmund „Mutter Anna“ genannt.

Die Leitung des Kindergartens und der Haushaltungsschule wird Schwestern aus dem Diakonissenhaus Dresden übertragen. Die Haushaltungsschule eröffnet zunächst mit sieben Schülerinnen, in den Folgejahren werden dann zu Ostern jeweils 15 Mädchen aufgenommen. Seit 1889 erhalten einige Mädchen ein Stipendium, welches direkt vom Königlichen Ministerium des Inneren finanziert wird.

In einer einjährigen Ausbildung erhalten die Schülerinnen Unterweisungen in Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Handarbeiten, Gartentätigkeiten und Haustierhaltung. Der Kirchschullehrer unterrichtet weiterhin Rechnen, Haushaltbuchführung und Singen, der Ortspfarrer Walther Rost unterrichtet in Religion und Vaterlandsliebe (Heimatkunde). 

Viele der Mädchen schicken Postkarten an Ihre Verwandten.

1892

Die Einrichtung geht durch Schenkung in den Besitz des Diakonissenhauses Leipzig Lindenau mit der Maßgabe, die verschiedenen bisherigen sozialen Dienste zum Wohle der Allgemeinheit weiterzuführen.

1897

Ein Nachtrag zur Weiterführung der Haushaltungsschule wird beschlossen.

1. April 1906

Das Diakonissenhaus übernimmt jetzt vollständig die finanzwirtschaftliche Verwaltung des Annastiftes. Obwohl die Einrichtung gut ausgelastet war, muss jährlich ein Zuschuss von 3000 Mark bereitgestellt werden, da die Beiträge der Nutzer nicht zur Finanzierung ausreichten. So bezahlt man für ein Kind 6 Pfennige und für ein Geschwisterpaar 10 Pfennige in der Woche. Eine Haushaltungsschülerin bezahlt 320,- Mark Pensionskosten für ein Jahr.

Postkarte um 1900
Postkarte um 1900
Postkarte um 1900

1921

In der Wirtschaftskrise nach dem ersten Weltkrieg war die finanzielle Sicherung der Einrichtung durch das Mutterhaus nicht mehr sichergestellt, infolge dessen kommt es Ostern zur Schließung des Hauses. Vertragsgemäß geht der Besitz nun zurück an die Stifterin.

1922

Nach Umbauten im Haus entstehen Mietwohnungen – auch die Schulräume im Erdgeschoß werden seit November wieder genutzt. Hier werden nun Schüler und Schülerinnen unterrichtet, die in Landwirtschaftsbetrieben der umliegenden Dörfer, welche zum Berufsschulverband Schweikershain gehören, arbeiten.

Anna-Stift Karte auf dem Messtischblatt 1913 (Quelle: SLUB-Dresden Deutsche Fotothek df_dk_0000292)

14. Juli 1923

Anna von Nostitz-Wallwitz stirbt in Dresden und wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der Familiengrabstätte auf dem Schweikershainer Friedhof zu ihrer letzten Ruhe gebettet. Durch ihr 1910 erschienenes Buch

„Die Haushaltungsschule – Leitfaden für Lehrerinnen und Schülerinnen in Haushaltungsschulen unter besonderer Berücksichtigung einfacher ländlicher Verhältnisse“
Band 1: Die Nahrung
Band 2: Die Kleidung
Band 3: Hof und Garten

war sie nicht nur in Schweikeshain bekannt geworden.

Während des zweiten Weltkriegs und in den Folgejahren wird das Gebäude ausschließlich zu Wohnzwecken genutzt.

10. September 1945

Nach der Enteignung der Familie von Nostitz-Wallwitz und der Bodenreformverordnung wird die Gemeinde Schweikeshain neuer Eigentümer.

Zu Beginn der 1950er Jahre zieht die Gemeindeverwaltung in zwei Räume des Obergeschosses ein. In der linken Seite des Erdgeschosses, getrennt durch das Treppenhaus, entstand der Kindergarten, in der rechten Seite zunächst ein Kulturraum, in dem auch Kinovorführungen stattfinden. Diesen Raum nutzte später der Schulhort, darauf folgend wurde hier die erste Klasse der Schule unterrichtet.

Der Kindergarten hatte etwa 40 Betreuungsplätze und kann die große Gartenfläche hinter dem Haus als Spielplatz nutzen. Die Speisung der Kindergartenkinder als auch die der Schulkinder übernimmt die Schulküche, welche in die ehemalige Hausmeisterwohnung im Kellergeschoß eingebaut wurde.

1966

Mit viel Eigeninitiative der Eltern und Bevölkerung wird ein Speisesaal an das Gebäude angebaut, der ca. 100 Sitzplätze fasst. Auch am ehemaligen Schuppen werden Erweiterungen vorgenommen. Hier entstehen Lagerräume und Räume für Arbeitsgemeinschaften.

Buchdeckel zu "Die Haushaltungschule" 1910
Erste Seite des Buches "Die Haushaltungsschule" 1910

1994 bis Heute

Am 1. März 1994 wird Schweikershain mit den Gemeinden Crossen und Beerwalde der Gemeinde Erlau angegliedert. Die Nutzung der Räume durch die Gemeindeverwaltung entfällt somit. Der Betrieb der Schulküche wird eingestellt. Der Speisesaal wird nach der Nutzung als Jugendtreff und später vom Dorfclub Schweikershain genutzt. Das Gebäude wird umfassend saniert.

Der Eingang wird so verändert, dass der Kindergarten einen separaten Hauptzugang von der Straße aus erhält. Dadurch wird eine unabhängige Nutzung des gesamten Erdgeschossbereiches erreicht. Der Hauszugang der Mieter des Obergeschosses erfolgt nun von der Rückseite des Hauses aus.

Quellen: 

  • Mitteilungen des Landesvereins sächsischer Heimatschutz e.V. 1/1996 „Das -Annastift- in Schweikershain“, Treubert Poch
  • Staatsarchiv Leipzig, Bestand 20542 Rittergut Schweikershain, Nr. 56 und 98, Bestand 20026 Amtshauptmannschaft Döbeln, Nr. 1882
  • Postkarten, Fotos, Pläne, Buch Sammlung Matthias Pudollek

Ansicht nach der Sanierung 2008, Straßenseite
Ansicht nach der Sanierung 2008, Straßen- und Ostseite
Familiengrab von Nostitz-Wallwitz Schweikershain (Sammlung M. Pudollek)
Grabstein von Anna von Nostitz-Wallwitz (Sammlung M. Pudollek)